Süddeutsche Zeitung in einem englischen Gerichtssaal

Die Süddeutsche Zeitung (Wolfgang Koydl) hat Spaß im englischen Gericht. Dürfen ausländische Reporter übrhaupt englische Barrister als Beckmesser beschreiben?

Brown gegenüber stehen, gleichsam auf der europäischen Seite dieses Prozesses, kleinlich-penible Beckmesser, deren Äußeres freilich eher in einen Roman passen würden. Mit ihren Perücken und Roben scheinen Baldwin und Rayner James geradewegs einem Druck von Honoré Daumier entstiegen zu sein.

Richter Smith, der mit seinem kugeligen Kopf und dem Schnurrbart ein wenig an den Stummfilmkomiker Oliver Hardy erinnert, hat die Angewohnheit, seine Perücke vom Haar zu ziehen und sie ein paar Augenblicke lang hasserfüllt anzustarren, bevor er sie resigniert wieder auf das Haupt stülpt. Auch er, so scheint es, hat Momente, in denen ihn Zweifel an seinem Wirken in diesem Verfahren beschleichen.

Zur Beschreibung des Verfahrens:

Erahnen, aber nicht erkennen, denn die Situation im Gerichtssaal erinnert eher an eine Klausur in englischer Literatur denn an einen Megaprozess mit astronomisch hohen Einsätzen. Das mag daran liegen, dass britische Anwälte in Zivilverfahren geradezu aufreizend gesittet miteinander umgehen. Sie springen nicht theatralisch von den Bänken hoch und rufen „Einspruch, Einspruch Euer Ehren!“, wie man das aus Filmen kennt.

Ja, denn in den USA muss ein Einspruch im schriftlichen Transkript des Verfahrens stehen, sonst darf man den jeweiligen Punkt nicht im Rechtsmittelverfahren rügen.

Wenn John Baldwin, Browns Verteidiger, einen Einwand gegen eine Behauptung des Anklagevertreters Jonathan Rayner James vorzubringen hat, dann schraubt er sich eher widerwillig halb vom Sitz hoch und rückt dann befangen die Perücke zurecht, bevor er sich räuspernd mit einem schüchternen „Also eigentlich möchte ich sagen“ zu Wort meldet.

Das erinnert genau an eine Beschreibung in einem kurzen und kurzweiligen Buch zum Anwaltsverhalten in allen englischsprachigen Gerichten der Welt: The Language of Advocacy, von Keith Evans – ein Buch, das so gut ist, dass man es gleich nochmal kaufen möchte.

1 thought on “Süddeutsche Zeitung in einem englischen Gerichtssaal

  1. Yes, foreign journalists to whom advocacy skills are alien ARE allowed to call English Barristers kleinlich-penible Beckmesser i.e. petty and nit-picking carping critics as well as the like-sounding Bettnäßer = bed-wetters, depending on the amount of nocturnal spying the beer-sodden Bavarian hacks are engaged in.

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